Bernd Engesser

Bernd Engesser schreibt im Folgenden einen Bericht zum Kapitalmarkt über die Ereignisse des 3. Quartals und die Aussichten. Herr Engesser ist langjähriger Experte für Kapitalanlagen, Mitbegründer der Supremum-EG und gerade im Bereich der Fondsanlagen sehr gut vernetzt.

 

Die Zinswende ist da

In der Finanzbranche herrscht seltene Einmütigkeit: Anlagestrategien müssen neu überdacht werden.

Der Grund: die Zinswende.

Die Zinswende wird als unvermeidbare Tatsache angesehen, umstritten ist nur, ob sie schon da ist (wie auch ich meine) oder wann sie  kommt.

Aber was ist das eigentlich, die Zinswende?

Seit etwa 40 Jahren sind die Finanzmärkte durch tendenziell fallende Zinsen gekennzeichnet. In den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts noch mit großen Schwankungen, spätestens seit den 90er-Jahren dann mit klarer Tendenz.

Beispielhaft zeigt dies die Rendite von 10-jährigen Bundesanleihen in der Grafik auf der nächsten Seite.

Somit sind die Anlageerfahrungen und damit die Anlagestrategien der meisten Anleger aber auch Berater durch dieses Marktszenario fallender Zinsen geprägt.

Eine der Auswirkungen dieser vergangenheitsbezogenen Prägung ist die Einschätzung, dass Anleihen sichere Anlageformen im Unterschied zu den scheinbar risikoreichen Aktien sind.

Dies vor allem deshalb, weil mit Anleihen in Zeiten tendenziell sinkender Zinsen kaum Kursverluste zu erwarten sind, es sei denn, die Bonität des Schuldners verschlechtert sich massiv.

Dies soll ein stark vereinfachtes Beispiel (keine Berücksichtigung der Bonität, von steuerlichen Auswirkungen und Zeitpunkt von Liquiditätszuflüssen, Stückzinsen) verdeutlichen:

Ende Juli 2006 lag die Rendite 10-jähriger Bundesanleihen bei 4,0%. Sie erhielten folglich jedes Jahr 40 € Zins. Nehmen wir an, Sie haben zu diesem Zeitpunkt ein solches Wertpapier erworben und dafür 1.000 € bezahlt.

Ende Februar 2009 lag der Marktzins dann bei 3,5%. Also nur 0,5% tiefer (entspricht einem Rückgang um 12,5% bezogen auf den Ausgangswert 4,0%).

Da Sie gerade Geld benötigten, hatten sie sich entschlossen, Ihre Bundesanleihe zu verkaufen. Die Restlaufzeit der Bundesanleihe betrug noch 7 Jahre und 5 Monate.

Allerdings wollten Sie natürlich einen möglichst hohen Preis für diese Anleihe. Ihre Rechnung: da der Marktzins bei 3,5% lag, sollte ein Käufer für die 4% Nominalzins auch mehr als die 1.000 € Nominalwert bezahlen. Die Investitionssumme (=Kaufpreis) sollte so hoch sein, dass bei einem Zins von 3,5% auf den Kaufpreis ein Ertrag von etwa 40 € pro Jahr gezahlt würde. Also 40*100/3,5. Dies ergab einen theoretischen Verkaufspreis von 1.142,85 €.

Von diesem Zusatzertrag aus Kursgewinnen lebten vor allem viele Versicherungen und berufsständische Versorgungswerke sehr gut, die solche Geschäfte in großem Umfang tätigten, sobald sie Liquidität benötigten.

Diese Phase tendenziell sinkender Zinsen ist nun zu Ende. Möglicherweise stagnieren die Zinsen noch einige Zeit auf dem derzeit niedrigen Niveau, aber sicher erscheint, dass sie in absehbarer Zeit und vor allem für einen längeren Zeitraum tendenziell steigen werden.

Aber verhindert nicht die Politik der Notenbanken einen Zinsanstieg?

Gerade in Deutschland herrscht noch immer die Meinung vor, dass der von den Notenbanken festgelegte „Leitzins“ (tatsächlich sind es mehrere Zinssätze) den Marktzins bestimmt.

Dies ist ein Irrglaube. Der Zins, zu dem sich Banken bei den Notenbanken Geld leihen können, hat vorrangig Einfluss auf die Kreditzinsen, zu denen die Banken Geld weiterverleihen. Diese Notenbankgelder sind ein Teil der Refinanzierungsmittel der Banken.

Ein anderer Teil sind die Kundeneinlagen (Sparbücher, Tagesgelder, Termingelder). Wenn die Banken über die Notenbanken billiges Geld erhalten, dann benötigen sie natürlich weniger Kundeneinlagen und in Folge dessen können die Einlagenzinsen sinken. Also eine indirekte Wirkung des Leitzinses.

Tatsache ist, dass viele Banken derzeit überhaupt keine Gelder von Privatkunden benötigen und dieses Geld auch nicht wollen, da Einlagen ja deutlich mehr Arbeit machen als der Abruf von Notenbankkrediten. Deshalb ist es derzeit vielen Banken gleichgültig, dass Kunden ihre Gelder wegen der niedrigen Guthabenzinsen abziehen. (Eine typische Fehleinschätzung, die sich in den kommenden Jahren rächen könnte. Irgendwann brauchen die Banken wieder die Gelder der Anleger!)

Wie gering die Bedeutung des Leitzinses für die Entwicklung der Marktzinsen ist, hat eine aktuelle Untersuchung der AGI (Allianz Global Investors) gezeigt: Untersucht wurden historische Daten zu Änderungen der Marktrenditen bei Staatsanleihen am Beispiel von Renten-Bärenmärkten (also Märkten mit fallenden Kursen bei Staatsanleihen = steigenden Marktzinsen). Nur in 30% der untersuchten Fälle bestand ein Zusammenhang mit Leitzinserhöhungen. (AGI: Zinsänderungsrisiko: Anatomie moderner Renten-Bärenmärkten; Juli 2013)

Bedeutender als der Leitzins  ist das Verhalten der Notenbanken als Aufkäufer von Anleihen. Die FED kauft monatliche für 85 Milliarden US-Dollar (!) Anleihen auf. Ein deutlich kleineres Programm hat auch die EZB zum Ankauf von Staatsanleihen von Krisenstaaten der Euro-Zone, die sonst niemand haben wollte. Allerdings hat die EZB die Aufkäufe bereits stark zurück gefahren, da inzwischen diese Anleihen wegen der relativ hohen Zinsen und dem steigenden Vertrauen in die Krisenländer auch auf dem freien Markt wieder zu platzieren sind.

Mit den Ankaufprogrammen der Notenbanken wird natürlich der Markt in Richtung niedrigere Marktrenditen verzerrt.

Und trotzdem sind deutliche Steigerungen der Marktrenditen feststellbar:

So stieg die Rendite von 10-jährigen Bundesanleihen von etwa 1,2% im Mai diesen Jahres auf knapp 2,1% heute. Der Kollege Stephan Kuhnke, Leiter Portfoliomanagement beim Anleihenspezialisten Bantleon meint dazu: „Das klingt zunächst niedlich, das ist aber immerhin prozentual gesehen ein Anstieg von 85%….10-jährige Bundesanleihen haben trotz des Kupons 6 Prozent Verluste generiert… Wir gehen davon aus, dass die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihe auf 2,25% bis 2,5% weiter steigen wird. Das würde … einen nochmaligen Kursrückgang von 2 bis 5 Prozent bedeuten.“ (Interview mit Das Investment.com vom 24.09.2013).

Gehen Sie einfach einmal von sich selbst aus: sind Sie noch bereit, für einen Zins von 2,1% (vor Steuer) Ihr Geld für 10 Jahre in eine inflationsgefährdete Anleihe zu investieren? Die meisten werden hier mit einem klaren „Nein“ antworten. Und das zu Recht!

Wenn auch Sie „Nein“ antworten, dann haben Sie Ihre persönliche Zinswende schon vollzogen!

Was bedeutet dies für den Kapitalanleger?

Vincent Strauss, der bekannte Manager des Magellan-Fonds wählt wie immer eine bildhafte Ausdrucksweise: „Bei den niedrigen Renditen und angesichts der Inflation in vielen Schwellenländern könnten Bond-Halter irgendwann regelrecht gekreuzigt werden. Pensionskassen und damit auch die Pensionäre werden einen hohen Preis … zahlen“ (Interview mit Morningstar.de am 23.09.2013, Hervorhebung durch mich).

Anders ausgedrückt: die scheinbar sichere Anlageklasse „Staatsanleihen hoher Bonität“ wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Verluste bringen.

Als Anlagealternative werden vorrangig Value-Aktien empfohlen, also Aktien, die einen hohen Substanzwert haben. Diese sind derzeit besonders in Europe auch noch recht günstig bewertet. Risikobereite Anleger können inzwischen auch zyklische Growth-Aktien besonders von kleineren, aufstrebenden Unternehmen wählen.

Im Anleihenbereich erscheinen High-Yield-Anleihen, also Anleihen mit hohem Zins wegen schlechter Bonität der Schuldner sinnvoll, wenn die Bonitätsperspektiven gut sind. Der hohe Zins liefert einen Puffer bei Kursverlusten wegen steigenden Marktrenditen und bei Bonitätsverbesserungen können diese Kursverluste sogar ausgeglichen werden. Allerdings sollten möglichst keine Währungsrisiken eingegangen werden. Die Entwicklung der Wechselkurse ist derzeit kaum vorhersehbar. Auch sollte die Duration (Dauer der Kapitalbindung) nicht länger als 4 Jahre sein.

Besonders unter Druck geraten deutsche Kapital-Lebensversicherungen. Diese sind durch enge Anlagerichtlinien gezwungen, einen großen Teil der Kundengelder in Staatsanleihen zu investieren. Während sich einige wenige Versicherungskonzerne umorientiert haben und verstärkt ebenfalls in Immobilien und auch in Energieerzeugungsanlagen (Wind- und Photovoltaikparks, Wasserkraftanlagen) investieren und im möglichen Rahmen die Aktienquote erhöhen, blickt die Mehrzahl der Versicherer erstaunt auf dieses für sie ungewohnten Anlageszenario und erstarrt wie das Kaninchen vor der Schlange. Und diese wird gnadenlos zubeißen.

Hier sollten Alternativen intensiv geprüft werden.